{"id":19148,"date":"2016-04-25T05:00:05","date_gmt":"2016-04-25T03:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/?p=19148"},"modified":"2016-04-25T11:20:30","modified_gmt":"2016-04-25T09:20:30","slug":"19148-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/19148-2\/","title":{"rendered":"Was Frauen mit Panama am Hut haben?"},"content":{"rendered":"<p>Geschlechterspezifische Auswirkungen lassen sich auch im Fall der globalen Steuerflucht festmachen. Alternative \u00f6konomische Ans\u00e4tze finden kaum Geh\u00f6r<\/p>\n<p>Es ist das gr\u00f6\u00dfte Daten-Leak, mit dem JournalistInnen bisher gearbeitet haben: Die sogenannten Panama-Papers bieten Einblick in ein globales System von Kapitalflucht, Steuerhinterziehung und Geldw\u00e4sche, verwaltet von der Kanzlei Mossack Fonseca. Unter den prominenten Namen, die bisher von der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220; und dem JournalistInnen-Netzwerk <a href=\"https:\/\/www.icij.org\/\" target=\"_blank\">ICIJ<\/a> in den \u00fcber elf Millionen Dokumenten aufgefunden wurden, finden sich \u00fcberwiegend m\u00e4chtige M\u00e4nner \u2013 Politiker, aber auch bekannte Pers\u00f6nlichkeiten aus Sport und Kultur (es gilt die Unschuldsvermutung).<\/p>\n<p>Feministische \u00d6konomie<br \/>\nBrigitte Thei\u00df berichtet: W\u00fcrden sich solche Geschichten anders schreiben, s\u00e4\u00dfen an den Schaltzentralen der Macht Frauen statt Krawattentr\u00e4ger? &#8222;If Lehman Brothers had been Lehman Sisters, run by women instead of men, would the credit crunch have happened?&#8220;, so formulierte es Ruth Sunderland 2009 in einem Artikel im &#8222;Guardian&#8220;. Auch wenn diese Frage seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2007 in den USA ihren Ausgang nahm, zumindest medial immer wieder gestellt wird \u2013 f\u00fcr die feministische \u00d6konomie ist sie in dieser Form nicht von Relevanz. &#8222;Wir arbeiten nicht mit biologistischen Zuschreibungen oder Mutma\u00dfungen, ob Frauen weniger risikofreudig oder mitf\u00fchlender als M\u00e4nner sind. Es geht vielmehr um eine kritische Analyse struktureller Fragen&#8220;, sagt Katharina Mader, Wissenschafterin am Institut f\u00fcr Institutionelle und Heterodoxe \u00d6konomie der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien.<\/p>\n<p>Globale Ungleichheit<br \/>\nGeschlechterspezifische Auswirkungen lassen sich jedoch auch im Fall der globalen Steuerflucht festmachen, die aktuell im Scheinwerferlicht steht. Martina Neuwirth, entwicklungspolitische Expertin am Wiener Institut f\u00fcr internationalen Dialog und Zusammenarbeit, legt dies am Beispiel von L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens dar. &#8222;Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass \u00e4rmere Entwicklungsl\u00e4nder \u00fcberproportional stark betroffen sind, wenn es um Kapitalflucht, um Steuerflucht, Korruption und Steuervermeidung geht&#8220;, sagt die \u00d6konomin.<\/p>\n<p>Diese Staaten seien zudem gegen\u00fcber Unternehmen, die Investitionen t\u00e4tigen und im Gegenzug Steuerverg\u00fcnstigungen fordern, in einer besonders schwachen Verhandlungsposition. &#8222;Das hat dann Auswirkungen auf die Finanzierung des \u00f6ffentlichen Sektors und in weiterer Folge auf Frauen, weil diese in einem h\u00f6heren Ausma\u00df von einem funktionierenden Sozialsystem, vom Bildungs- und Gesundheitssystem abh\u00e4ngig sind&#8220;, so Neuwirth.<\/p>\n<p>Unfaires Finanzsystem<br \/>\n\u00d6konomische Ungleichheit verl\u00e4uft auch beim Verm\u00f6gen \u2013 neben weiteren Faktoren \u2013 entlang einer Geschlechter- und einer Nord-S\u00fcd-Achse: Die internationale Hilfsorganisation Oxfam legte Anfang des Jahres einen Bericht vor, wonach die 62 reichsten Menschen der Erde (53 davon M\u00e4nner) so viel Verm\u00f6gen besitzen wie die gesamte \u00e4rmere H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung. In der Studie appellierte Oxfam an Regierende sowie an Unternehmen, die Gewinne in Steueroasen verschieben, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und ein faires Wirtschafts- und Finanzsystem zu schaffen. Bereits erfolgte Ma\u00dfnahmen wie ein automatischer Austausch von Steuerinformationen innerhalb, aber auch au\u00dferhalb Europas erschweren Steuerhinterziehung zwar zusehends, nationale Interessen w\u00fcrden aber immer wieder gut gemeinte Reformans\u00e4tze verw\u00e4ssern, sagt Martina Neuwirth: &#8222;Der britische Premier Cameron hat zum Beispiel immer darauf geschaut, dass Trusts nicht angetastet werden, \u00d6sterreich hat sehr lange mit der Berufung auf die Wettbewerbsf\u00e4higkeit am Bankgeheimnis festgehalten \u2013 jede Regierung versucht also, ihre Sch\u00e4fchen ins Trockene zu bringen.&#8220;<\/p>\n<p>Zahlen und Formeln<br \/>\nAuch Brigitte Young, emeritierte Professorin f\u00fcr internationale politische \u00d6konomie an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, pocht auf die Notwendigkeit gemeinsamer, globaler Regelungen. Young ist eine der wenigen feministischen \u00d6konominnen, die sich auf Finanzmarktpolitik spezialisiert haben. Auf gro\u00dfen \u00f6konomischen Konferenzen sei sie oft die einzige Teilnehmerin, die einen Vortrag zu einem feministischen Thema h\u00e4lt \u2013 auch weil sich Genderforscherinnen zu wenig f\u00fcr die Finanzwirtschaft interessieren w\u00fcrden, kritisiert Young. Eine genderspezifische Erforschung der Finanzm\u00e4rkte werde unter anderem von den mangelnden Daten erschwert, den Blick auf ihr Forschungsgebiet beschreibt die in den USA ausgebildete \u00d6konomin \u00e4hnlich wie ihre Wiener Kollegin Katharina Mader: &#8222;Es geht nicht darum, ob Finanzm\u00e4rkte m\u00e4nnlich sind, es geht um die dahinterliegenden Modelle.&#8220; In der gegenw\u00e4rtigen \u00d6konomie, die \u00fcberwiegend auf mathematischen Modellen aufbaue, bleibe die Realit\u00e4t au\u00dfen vor. &#8222;Die Finanzm\u00e4rkte m\u00fcssen wieder der Real\u00f6konomie dienen \u2013 und das tun sie trotz Finanzmarktreformen nicht&#8220;, sagt Young.<\/p>\n<p>Karrierekiller Feminismus<br \/>\nObwohl die Kritik am neoliberalen Kapitalismus sp\u00e4testens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise und einer breiten Klimawandeldebatte eine Popularisierung erfahren hat, ist die heterodoxe \u00d6konomie \u2013 also Theorien, die sich au\u00dferhalb des neoklassischen Mainstreams verorten \u2013 an deutschsprachigen Universit\u00e4ten alles andere als fest verankert. Die Wiener Wirtschaftsuniversit\u00e4t stellt trotz der Einsparung der ordentlichen Professur mit ihrem eigenen Institut f\u00fcr Institutionelle und Heterodoxe \u00d6konomie einen Ausnahmefall dar.<\/p>\n<p>&#8222;Wir k\u00f6nnen uns gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, aber es ist ein st\u00e4ndiger Kampf ums Weiterbestehen&#8220;, sagt Mader. Die feministische \u00d6konomie als Teil der heterodoxen \u00d6konomie h\u00e4nge wiederum an engagierten Einzelpersonen \u2013 denn einer wissenschaftlichen Karriere, die auf zahlreichen Publikationen in renommierten wissenschaftlichen Journals fu\u00dft, stehe sie oftmals im Weg. Selbst innerhalb alternativer \u00f6konomischer Schulen m\u00fcsse eine feministische Perspektive immer wieder hineinreklamiert werden. &#8222;Das Thema Ungleichheit hat in den vergangenen Jahren sehr wohl breitere Beachtung gefunden, etwa durch die Publikationen von Piketty oder Stiglitz, aber Geschlechterverh\u00e4ltnisse bleiben auch bei den gro\u00dfen Autoren au\u00dfen vor&#8220;, sagt Mader.<\/p>\n<p>Verdr\u00e4ngte Geschlechterfragen<br \/>\nDoch Kritik an einer einseitigen Ausrichtung der Lehre in der Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre kommt mittlerweile auch von Studierenden. Aus einem Prostest an der Pariser Sorbonne entwickelte sich ein internationales Netzwerk f\u00fcr plurale \u00d6konomik. &#8222;Die fehlende intellektuelle Vielfalt beschr\u00e4nkt nicht nur Lehre und Forschung, sie behindert uns im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts \u2013 von Finanzmarktstabilit\u00e4t \u00fcber Ern\u00e4hrungssicherheit bis hin zum Klimawandel&#8220;, ist in einer Erkl\u00e4rung zu lesen. Sowohl Brigitte Young als auch Katharina Mader sehen hier einen wichtigen Hebel f\u00fcr Ver\u00e4nderungen \u2013 die sie sowohl im Wissenschaftsbetrieb als auch in wirtschaftspolitischen Debatten vermissen. &#8222;Die Wirtschaftskrise hat vielfach als Ausrede gedient, um sich Gleichstellungsfragen nicht widmen zu m\u00fcssen \u2013 weil es ja wichtigere Dinge gebe&#8220;, sagt Katharina Mader.<\/p>\n<h4>Gender Budgeting<br \/>\nSo seien in \u00d6sterreich etwa trotz der rechtlichen Verankerung von Gender Budgeting die geschlechterspezifischen Auswirkungen von Konjunktur- und Sparpakten nicht untersucht worden. Und dass, obwohl \u00d6sterreich zu einem der ungleichsten L\u00e4nder in der EU geh\u00f6re, streicht Martina Neuwirth hervor. Frauen verf\u00fcgen in \u00d6sterreich \u00fcber weit weniger Verm\u00f6gen \u2013 hinzu komme ein nicht besonders progressives Steuersystem: Progressive Lohnsteuers\u00e4tze stehen einer regressiven Umsatzsteuer und Kapitalbesteuerung gegen\u00fcber. Die fehlende \u00d6ffnung f\u00fcr Ideen der alternativen bzw. feministischen \u00d6konomie laufe letztendlich immer auf dieselbe Frage hinaus, sagt Brigitte Young: &#8222;Wer profitiert vom derzeitigen Finanzwesen?&#8220;<\/h4>\n<div id=\"attachment_19154\" style=\"width: 594px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/19148-2\/panama-am-hut-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"attachment wp-att-19154\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19154\" class=\"size-large wp-image-19154\" src=\"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Panama-am-Hut-1-1024x778.jpg\" alt=\" Original von Dieter Huthmacher www.w-t-w.org\/en\/dieter-huthmacher\" width=\"584\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Panama-am-Hut-1-1024x778.jpg 1024w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Panama-am-Hut-1-300x228.jpg 300w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Panama-am-Hut-1-768x584.jpg 768w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Panama-am-Hut-1-395x300.jpg 395w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Panama-am-Hut-1.jpg 1612w\" sizes=\"auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19154\" class=\"wp-caption-text\"><br \/>Original von<br \/>Dieter Huthmacher<br \/>www.w-t-w.org\/en\/dieter-huthmacher<\/p><\/div>\n<h4><a href=\"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/frauen-und-kinder-leiden-ueberproportional-unter-korruption-folge-6-verbrechen-ermoeglichen\/\" target=\"_blank\">Frauen und Kinder leiden unter Korruption<\/a><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschlechterspezifische Auswirkungen lassen sich auch im Fall der globalen Steuerflucht festmachen. 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