{"id":22071,"date":"2016-12-19T10:27:45","date_gmt":"2016-12-19T09:27:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/?p=22071"},"modified":"2016-12-19T10:30:31","modified_gmt":"2016-12-19T09:30:31","slug":"papst-franziskus-kaempft-fuer-legalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/papst-franziskus-kaempft-fuer-legalitaet\/","title":{"rendered":"Papst Franziskus k\u00e4mpft f\u00fcr Legalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Der K\u00e4mpfer im Vatikan: Papst Franziskus und sein mutiger Weg<\/p>\n<p>Andreas Englisch arbeitet seit 1987 als Vatikan-Korrespondent f\u00fcr den Springer-Verlag in Rom und hat schon mehrere B\u00fccher \u00fcber die verschiedenen P\u00e4pste ver\u00f6ffentlicht. Sein zweites Buch \u00fcber Papst Franziskus (Jorge Mario Bergoglio mit b\u00fcrgerlichem Namen) \u201eFranziskus \u2013 der K\u00e4mpfer im Vatikan\u201c besch\u00e4ftigt sich vor allem mit den revolution\u00e4ren Ma\u00dfnahmen, die Bergoglio seit seiner Wahl zum Papst (M\u00e4rz 2013) getroffen hat.<\/p>\n<p>Fast 30 Jahre Arbeit in Rom, in unmittelbarer N\u00e4he zum Vatikan und zu den P\u00e4psten Johannes Paul II., Benedikt und Franziskus, das bedeutet Kontakt zu unz\u00e4hligen Leuten, die entweder im Vatikan arbeiten oder in enger Verbindung zur Kurie und zum jeweiligen Papst stehen, darunter auch namentlich genannte Gr\u00f6\u00dfen der italienischen Politik (z.B. Giulio Andreotti, Licio Gelli u.a.), aber auch anonym bleibende Mitglieder des r\u00f6mischen Hochadels, Kardin\u00e4le, Bisch\u00f6fe und Mitarbeiter der mittleren Ebene der Kurie.<\/p>\n<p>Das Buch ist so spannend, dass man es kaum aus der Hand legen m\u00f6chte. Spannend &#8211; auch f\u00fcr kirchenferne Leser &#8211; sind zun\u00e4chst einmal die Beschreibungen der revolution\u00e4ren Einstellungen und Ma\u00dfnahmen, die mit dem derzeitigen Papst verbunden sind. Die Wahl des Papst-Namens \u201eFranziskus\u201c ist Programm. Wie sein Vorbild, der heilige Franz von Assisi, Nationalheiliger Italiens, sieht Bergoglio die Rolle der katholischen Kirche darin, den Armen, den Besitzlosen zur Seite zu stehen, statt die Privilegien der Reichen und derer, die sich f\u00fcr eine Elite halten (wie z.B. die Kurie im Vatikan)zu verteidigen. Tats\u00e4chlich lebt er dieses Programm als Papst vor: Er weigert sich z.B., im Apostolischen Palast zu residieren, bezieht zwei Zimmer im einfachen G\u00e4stehaus des Vatikans und speist in der Mensa f\u00fcr die Vatikan-Mitarbeiter. Als Zeitungsleser nimmt man ein solches Beispiel f\u00fcr den Lebens- und Regierungsstil des argentinischen Papstes zur Kenntnis und denkt vielleicht voller Anerkennung, dass der Papst Ernst macht mit seinem Bekenntnis zur Armut. Andreas Ernst aber schildert auch die Konsequenzen: Der Papst ist f\u00fcr jeden Mitarbeiter ansprechbar; die Mensa als traditioneller Umschlagplatz f\u00fcr Informationen liefert ihm Wissen \u00fcber sehr vieles, was in der Kurie vor sich geht. Franziskus l\u00e4sst sich nicht durch einen alles regelnden Mitarbeiterstab isolieren, wie das unter Benedikt der Fall war. W\u00e4hrend vorher ein Pr\u00e4fekt entschied, wer Zugang zum Papst erhielt, bestimmt jetzt Bergoglio selber, wen er sprechen m\u00f6chte. Will er telefonieren, greift er selber zum H\u00f6rer, so sei es einmal dazu gekommen, dass er auf seine Meldung \u201eHier spricht der Papst\u201c als Antwort erhielt: \u201eUnd ich bin der Kaiser von China\u201c.<\/p>\n<p>Das kleine Zimmerchen neben der Pforte, in dem Franziskus jetzt seine G\u00e4ste empf\u00e4ngt, soll nicht nur Bescheidenheit demonstrieren, sondern die Botschaft \u00fcbermitteln, dass jetzt nicht mehr die \u00e4u\u00dfere Form z\u00e4hle, sondern der Inhalt der Gespr\u00e4che. Dass der Autor das Innere des Vatikans bestens kennt, aber genauso auch die Denkweisen und die Vorliebe f\u00fcr symbolische Gesten, zeigt z.B. der Vergleich des jetzigen Audienzraums mit dem Weg durch den Apostolischen Palast, den fr\u00fchere G\u00e4ste zur\u00fccklegen mussten, bis sie im Audienzsaal angekommen waren. Im Angesicht von solcher Pracht und Herrlichkeit, der der Gast auf seinem Weg begegnete, konnte er sich bei seiner Ankunft nur noch voller Demut und im Gef\u00fchl v\u00f6lliger Bedeutungslosigkeit vor dem Papst auf die Knie werfen. Eine solche Machtdemonstration liegt Franziskus fern.<\/p>\n<p>Spannend sind auch die Ermittlungen, die der Autor anstellt, um zu begreifen, weshalb der Papst seine Weihnachtsansprache an die Kurie 2014 in eine bitterb\u00f6se Strafpredigt verwandelte, in der er den Kardin\u00e4len unter anderem \u201espirituellen Alzheimer\u201c vorwarf. Der Weg f\u00fchrt den Autor \u00fcber mehrere Informanten, mit denen er verschiedene Hypothesen diskutiert, bis er zu einer plausiblen Erkl\u00e4rung f\u00fcr die gro\u00dfe Wut des Papstes gelangt.<\/p>\n<p>Eine dr\u00e4ngende Frage unmittelbar nach der Wahl Bergoglios war: Wie wird er es mit der Vatikan-Bank (IOR) halten? Wird er, anders als seine Vorg\u00e4nger, sich den Skandalen stellen und die einzelnen Vorg\u00e4nge und die darin verwickelten Personen genau unter die Lupe nehmen? Diese Kapitel machen ein Viertel des Buches aus und lesen sich wie ein Kriminalroman. Wenn der Papst die Botschaft des Jesus von Nazareth \u201eLeichter geht ein Kamel durch ein Nadel\u00f6hr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt\u201c ernst nahm, dann musste er sich diesem Problem stellen. <strong>Die europ\u00e4ische Bankenaufsicht Moneyval hatte die Vatikanbank als \u201ehochgradig kriminell\u201c eingestuft und sie der Geldw\u00e4sche verd\u00e4chtigt.<\/strong> Und es ist allgemein bekannt, dass die IOR an dem betr\u00fcgerisch herbeigef\u00fchrten Zusammenbruch des Banco Ambrosiano (Mailand) vor 25 Jahren beteiligt war, durch den 1,1 Milliarden Dollar Kundengelder vernichtet worden waren. (Der Vatikan hat sp\u00e4ter Verantwortung \u00fcbernommen, in dem er eine Entsch\u00e4digung von 247 Millionen an die Gl\u00e4ubiger zahlte). Ein Paradest\u00fcck des Buches ist der Besuch des Autors bei einem F\u00fcrsten, der von ihm, einem deutschen Journalisten, wissen will, was der Papst bez\u00fcglich der Vatikanbank vorhat. Die Unterredung selber ist f\u00fcr den Autor ein v\u00f6lliges R\u00e4tsel, und erst als einer seiner Freunde das Wort f\u00fcr Wort von Englisch wiedergegebene Gespr\u00e4ch dechiffriert, wird einiges klar. Das soll aber hier nicht verraten werden.<\/p>\n<p>Die Schilderungen der Ereignisse gehen bis zum September 2015 und enden mit den Vorf\u00e4llen um die \u201eGr\u00fcne Enzyklika\u201c, durch die die Papstgegner in der Kurie aller Welt demonstrierten: Wir sind mit diesem Papst nicht einverstanden! Damit findet ein durch-g\u00e4ngiges Thema seinen Abschluss: Die Feindschaften, die sich Franziskus durch seine Reformen zugezogen hat und die m\u00f6glicherweise, so Englisch, zu einer Kirchenspaltung f\u00fchren k\u00f6nnten: Er spielt den Gedanken durch, dass sich Benedikt mit Kardin\u00e4len zusammentun und eines Tages Franziskus exkommunizieren k\u00f6nnte, weil er \u201enicht katholisch\u201c sei, das hei\u00dft, weil er gemeinsame Sache mit \u201eKetzern\u201c mache, weil er das Sakrament der Ehe nicht anerkenne, weil er den Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche nicht teile (Benedikt hatte stets wiederholt, nur als Katholik komme man ins Paradies), weil er die Kurie abgestraft hat (der Papst hat u.a. die bisher automatische Immunit\u00e4t f\u00fcr Vatikanangeh\u00f6rige abgeschafft), weil er Freundschaft mit anderen Kirchen und den Freikirchen wolle und den Islam achte. Der Autor ist der Meinung, dass den Papst bisher nur die Zustimmung und die Verehrung durch die weltweite \u00d6ffentlichkeit vor Schlimmerem gesch\u00fctzt hat.<\/p>\n<p>Das Buch ist wirklich lesenswert. Man bekommt einen viel pr\u00e4ziseren Eindruck von den Vorg\u00e4ngen im Vatikan als durch die Lekt\u00fcre von einzelnen Nachrichten, die man unter tausend anderen Informationen von den Medien erh\u00e4lt. Englisch erz\u00e4hlt emotional, oft mit salopper Sprache und immer wieder mit Humor von seinen Recherchen im Vatikan. Er verhehlt nicht seine pers\u00f6nliche Bewunderung f\u00fcr den Papst aus Argentinien. Erfrischend ist seine unkomplizierte Haltung gegen\u00fcber italienischen Verhaltensweisen. Dadurch dass er immer wieder auch seine \u00dcberlegungen mitteilt, wie er in einer bestimmten Situation strategisch am besten vorgehen k\u00f6nnte, um an die von ihm gew\u00fcnschte Information zu kommen, entsteht der Eindruck, unmittelbar am Geschehen beteiligt zu sein.<br \/>\nDas letzte Kapitel listet die von Franziskus eingef\u00fchrten Neuerungen noch einmal in neun Punkten auf. Der Schlusssatz besteht aus einem Gebet, in dem Englisch dem Papst den Beistand Gottes w\u00fcnscht. Ich habe dem Autor dieses pers\u00f6nliche Bekenntnis abgenommen.<a href=\"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/papst-franziskus-kaempft-fuer-legalitaet\/51ojh1pu7ml-_sx311_bo1204203200_\/\" rel=\"attachment wp-att-22073\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-22073\" src=\"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/51ojH1Pu7ML._SX311_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"Der K\u00e4mpfer im Vatikan: Papst Franziskus und sein mutiger Weg\" width=\"313\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/51ojH1Pu7ML._SX311_BO1204203200_.jpeg 313w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/51ojH1Pu7ML._SX311_BO1204203200_-188x300.jpeg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 313px) 100vw, 313px\" \/><\/a>Andreas Englisch \u2013 Franziskus, der K\u00e4mpfer im Vatikan 2015 (374 Seiten)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.w-t-w.org\/de\/vatikanbank-ruecktritt-wegen-investmentfonds-in-luxemburg\/\" target=\"_blank\">Vatikanbank R\u00fccktritt wegen Investmentfonds in Luxemburg<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der K\u00e4mpfer im Vatikan: Papst Franziskus und sein mutiger Weg Andreas Englisch arbeitet seit 1987 als Vatikan-Korrespondent f\u00fcr den Springer-Verlag in Rom und hat schon mehrere B\u00fccher \u00fcber die verschiedenen P\u00e4pste ver\u00f6ffentlicht. 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