{"id":27691,"date":"2020-06-10T11:04:04","date_gmt":"2020-06-10T09:04:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/?p=27691"},"modified":"2020-06-11T16:15:40","modified_gmt":"2020-06-11T14:15:40","slug":"staatsanwalt-man-muss-dem-weg-des-geldes-verfolgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/staatsanwalt-man-muss-dem-weg-des-geldes-verfolgen\/","title":{"rendered":"Staatsanwalt: \u201eMan muss dem Weg des Geldes verfolgen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mafia? Nein Danke! berichtet:&nbsp; &#8222;In einem der gr\u00f6\u00dften Mafiaprozesse in Deutschland urteilte j\u00fcngst das Landgericht Konstanz. Im Interview erl\u00e4utert der Oberstaatsanwalt Joachim Speiermann die Hintergr\u00fcnde des Prozesses und warum h\u00e4ufig der Satz \u201eMafia, das interessiert uns nicht\u201c fiel.<\/p>\n<p>Herr Dr. Speiermann, Sie haben k\u00fcrzlich einen der gr\u00f6\u00dften Mafiaprozesse in Deutschland abgeschlossen und \u2013 zugespitzt formuliert \u2013 hat es kaum jemand mitbekommen. Wie f\u00fchlt sich das f\u00fcr Sie an?<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich auch damit zusammen, dass wir in Corona-Zeiten leben. Die letzten Verhandlungstage sind daher nicht so stark besucht worden. \u00dcberhaupt, nach 100 Verhandlungstagen l\u00e4sst das Interesse sp\u00fcrbar nach.<\/p>\n<p>Der Vorsitzende Richter sprach von einem \u201eMafia-Verfahren, das keines war\u201c und er sagte auch, dass es ihn nicht interessiert, ob jemand zur Mafia geh\u00f6re, weil das nach deutschem Recht nicht relevant sei. Hei\u00dft das, dass die deutsche Justiz blind ist f\u00fcr das Thema Mafia?<\/p>\n<p>So direkt will ich das nicht sagen, aber ich bin \u00fcber diese Aussage auch etwas verwundert gewesen. Das Verfahren hatte seinen Beginn in einer Information der amerikanischen Anti-Drogenbeh\u00f6rde DEA an die Italiener. Wir wurden dann informiert, weil Beteiligte in unserem Bezirk wohnten. Wir haben im Rahmen der Ermittlungen eindeutige Erkenntnisse gewonnen, dass dieses Verfahren Mafia-Bez\u00fcge hat. Dies wurde dann auch im Prozess durch Zeugenaussagen best\u00e4tigt. Sicherlich k\u00f6nnen wir in Deutschland nicht im Einzelnen feststellen, wer ein Mafia-Mitglied ist und wer nicht. Aber so ein gro\u00dfer Drogenhandel ist nur m\u00f6glich, wenn man die Hinterm\u00e4nner miteinbezieht. Und es hat mich schon ein St\u00fcck weit entt\u00e4uscht, dass das nicht passiert ist \u2013 man kann nicht nur rein tatbezogen arbeiten. Und auch f\u00fcr die Strafzumessung ist es ein Unterschied, ob eine Mafia-Gruppierung im Hintergrund steht. Das sollte die Kammer schon aufkl\u00e4ren. F\u00fcr mich symptomatisch war zu Beginn ein Satz des Vorsitzenden an den Chefermittler. \u201aBleiben Sie bitte an der Oberfl\u00e4che\u2018, forderte der Richter ihn auf. Man wollte ihn wohl gar nicht umfassend berichten lassen. Au\u00dferdem fiel w\u00e4hrend der langen Hauptverhandlung leider mehrfach der Satz: \u201e Mafia, das interessiert uns nicht\u201c.<\/p>\n<p>Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/p>\n<p>Das ist generell die Tendenz von Gerichten. Es ist einfacher, an der Oberfl\u00e4che zu bleiben. Es ist am einfachsten, nur Gest\u00e4ndige zu verurteilen und nur wenn es schwierig wird, in die Tiefe zu gehen. Dieses Verfahren war am Anfang kein einfaches, mit etwa 20 Verteidigern, von allen Seiten wurde geschossen. Aber ich h\u00e4tte schon sch\u00f6n gefunden, man h\u00e4tte die italienischen Beziehungen da auch ausgeleuchtet. Die Kammer wollte jedoch am liebsten nur Rauschgift-Gesch\u00e4fte aburteilen, die in Deutschland get\u00e4tigt worden sind, und nicht Straftaten im Ausland wie etwa einen geplanten Raub auf einen Juwelier in Verona, der nur durch die Ermittlungen verhindert worden war.<br \/>\nEs wurde leider kein einziger Polizist aus Italien als Zeuge geladen und angeh\u00f6rt, obwohl dort ja auch ermittelt wurde.<\/p>\n<p>Sie sagten, die Hinterleute dieser Drogengesch\u00e4fte in Italien stammten aus dem Mafia-Umfeld. Macht es f\u00fcr sie einen Unterschied, wenn Sie Im Gericht Leute mit solchen Verbindungen vor sich haben?<\/p>\n<p>Ja sicher, f\u00fcr die Strafzumessung ist das ein fundamentaler Unterschied. Ob sie einen Einzelt\u00e4ter haben, es um Spontantaten geht oder organisierte Kriminalit\u00e4t. Wenn es dann Bez\u00fcge zur kalabrischen \u2019ndrangheta gibt oder zur sizilianischen Cosa Nostra, dann ist das ein entscheidender Punkt.<\/p>\n<p>Und wie ist das f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich, das sind ja keine Engelsbuben. Die Mafia-Organisationen haben viele Richter und Staatsanw\u00e4lte, die ihre Arbeit taten, auf dem Gewissen.<\/p>\n<p>Nachdem die Gruppe in Deutschland Schwierigkeiten mit dem Absatz hatte und das Geld nicht reinkam, haben wir im Verfahren ein Telefongespr\u00e4ch geh\u00f6rt. Da hie\u00df es dann, man m\u00fcsse das Gespr\u00e4ch bei der Cupola in Palermo suchen, der obersten Machtzentrale der Cosa Nostra.<\/p>\n<p>Sie dachten aber nicht an Leute wie Giovanni Falcone Paolo Borsellino, die ermordet wurden wegen ihres Kampfes gegen die Mafia?<\/p>\n<p>Nein, das nicht. Sicher sind mir diese Taten bekannt und ich bin beeindruckt. Ich wei\u00df um die Hochachtung der Italiener vor diesen Kollegen. Wer in Italien zur Mafia arbeitet, arbeiten unter ganz andere Bedingungen als bei uns, auch heute noch, sagen die Kollegen.<\/p>\n<p>Wie haben Sie die deutsche Polizei erlebt? Man h\u00f6rt ja manchmal den Vorwurf, man wolle nicht gegen die Mafia vorgehen.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, das Team hier war wahrscheinlich der Schl\u00fcssel zum Erfolg. Wir hatten einen sehr guten Polizeibeamten, einen Hauptkommissar, der beim LKA Ansprechpartner f\u00fcr italienische organisierte Kriminalit\u00e4t war und der \u00fcber wahnsinnig gute Kontakte nach Italien verf\u00fcgte. Den haben wir mit ins Boot geholt, er hat den direkten Kontakt zu Ermittlern in Palermo gekn\u00fcpft. Dann kam ich in Kontakt mit dem zust\u00e4ndigen Staatsanwalt. Da hat man sich kennen- und sch\u00e4tzen gelernt. Nur so hat das Verfahren \u00fcberhaupt funktioniert. Wir haben dann fr\u00fchzeitig den direkten Informationsaustausch zwischen den Polizeien vereinbart. So erspart man sich den umst\u00e4ndlichen Weg \u00fcber Interpol oder die Polizei-Schiene. Die Verwertung lief dann nat\u00fcrlich ordnungsgem\u00e4\u00df im Rahmen der Rechtshilfe. Es gab zwei Verfahren, sogenannte Spiegelverfahren: meines in Deutschland und das des Kollegen in Italien. Die jeweiligen Erkenntnisse wurden zeitnah ausgetauscht und man hat sich immer abgestimmt.<\/p>\n<p>Bringt dieses Vorgehen auch Probleme?<\/p>\n<p>Dieses Vorgehen kann schon Modell stehen. Es setzt aber voraus, dass man auf der Polizei-Seite die richtigen, motivierten Leute hat. Wenn von vorneherein Bedenkentr\u00e4ger dabei sind, dann funktioniert so etwas nicht. Wir haben hier ein relativ kleines Polizeipr\u00e4sidium, das in Rottweil, das aber schon einige relativ gro\u00dfe Verfahren zum Erfolg gef\u00fchrt hat. Ich denke, \u00e4hnliche Verfahren hat es zumindest hier in Baden-W\u00fcrttemberg nicht gegeben. Im Grunde genommen m\u00fcssten solche Verfahren angesiedelt sein beim LKA. Nach Abschluss der Ermittlungen hat der damalige Leiter des Polizeipr\u00e4sidiums Rottweil die Arbeit seines Teams beim BKA in einem Vortrag vorgestellt. Da waren die \u00fcberrascht, sinngem\u00e4\u00df kam r\u00fcber, das k\u00f6nnten sie beim BKA so nicht leisten. Das BKA selbst war aber nie im Boot und das Landeskriminalamt mit der Ausnahme dieses einen Polizeibeamten auch nicht. Die Ermittlungen haben sich sp\u00e4ter ausgeweitet auf den Stuttgarter Bereich und auf Abnehmer in M\u00fcnster. Diese Verfahren sind abgegeben worden \u2013 nach M\u00fcnster, das hat sehr gut geklappt. Dort kam es auch schon zu rechtskr\u00e4ftigen Verurteilungen. Das Verfahren in Stuttgart wurde bereits vor einiger Zeit \u00fcbernommen. Zu einer Anklage kam es meines Wissens bisher nicht.<\/p>\n<p>Ich habe gelesen, dass insgesamt sechs Millionen Euro beschlagnahmt worden sind.<\/p>\n<p>Wir gehen in Deutschland anders an die Verfahren heran als in Italien. Klar versuchen auch wir in Deutschland Verm\u00f6gen abzusch\u00f6pfen. Wir haben Bank-Auskunftsersuchen und alles gemacht, konnten aber leider nicht so viele Verm\u00f6genswerte feststellen und beschlagnahmen. Auch darin liegt ein Vorteil eines deutsch-italienischen Spiegelverfahrens: die Italiener haben dann im Wege der pr\u00e4ventiven Sicherstellung sechs Appartements und Grundst\u00fccke vorl\u00e4ufig sichergestellt.<\/p>\n<p>Was bedeutet das, pr\u00e4ventiv sichergestellt?<\/p>\n<p>Wenn der Beschuldigte nicht darlegen kann, woher das eingesetzte Kapital kommt oder die Herkunft dubios ist, nicht nachvollziehbar, dann k\u00f6nnen in Italien Verm\u00f6genswerte sichergestellt werden. Wenn jemand kaum Steuern zahlt und dann aber Verm\u00f6gen besitzt, dann sind die Italiener relativ schnell mit der pr\u00e4ventiven Beschlagnahme. Der Beschuldigte muss dann die ordnungsgem\u00e4\u00dfe Herkunft nachweisen. Kann er dies nicht, kann das Verm\u00f6gen eingezogen werden. So war das in diesem Fall auch. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass das Kapital dann f\u00fcr weitere Straftaten dienen kann.<\/p>\n<p>Und da geht nach deutschem Recht nicht?<\/p>\n<p>Doch, diesen Gedanken haben wir jetzt auch ansatzweise im deutschen Recht. Auch da kann man \u2013 selbst wenn ein Verfahren eingestellt oder jemand freigesprochen wird \u2013 sichergestellte Verm\u00f6genswerte einziehen, wenn man \u00fcberzeugt ist, dass sie nicht rechtm\u00e4\u00dfig erworben worden sind. Nach Paragraph 76a des Strafgesetzbuchs ist das jetzt m\u00f6glich. Es ist eine Frage der Beweisw\u00fcrdigung, das Instrument daf\u00fcr haben wir.<\/p>\n<p>Welche Lehren haben Sie denn aus diesem Verfahren gezogen?<\/p>\n<p>Positiv f\u00fcr mich und die Mannschaft, f\u00fcr die Polizei, habe ich gelernt, dass ein gemeinsames Vorgehen auch grenz\u00fcberschreitend funktioniert, wenn die richtigen Handelnden dabei sind und wenn die Leute motiviert sind. Das war das erfreuliche. Die lange Verfahrensdauer macht m\u00fcrbe, es sind jetzt \u00fcber 100 Verhandlungstage gewesen, und da ist die Frage schon von den Kosten her, ob das gerechtfertigt ist. Im Ergebnis muss ich aber sagen: von den elf Angeklagten sind alle verurteilt worden; das stimmt mich froh. Die Strafh\u00f6he liegt im Ermessen des Gerichts, sie hat mich nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberzeugt. Aber es war ein Erfolg.<\/p>\n<p>Sind wir in Deutschland f\u00fcr das Problem transnationale organisierte Kriminalit\u00e4t gut aufgestellt?<\/p>\n<p>In erster Linie braucht es motivierte Polizeibeamte und motivierte Staatsanw\u00e4ltinnen und Staatsanw\u00e4lte. Das ist das Wichtigste. Wenn man mit Bedenken an Verfahren rangeht, dann kommt man nicht weit. Man muss manchmal auch ein St\u00fcck mutig sein, neue Wege gehen, dann funktioniert es. Ich habe keinen genauen \u00dcberblick \u00fcber die Zahl der Verfahren, aber es macht mich nachdenklich, wenn man sieht, wie wenig Verfahren in diesem Bereich in Deutschland durchgef\u00fchrt werden. Vor allem weil es immer hei\u00dft, es gebe mehrere hundert Mafiosi in Deutschland. Und in unserem Fall haben wir noch nicht mal festgestellt, dass es sich um Mafiosi handelt.<\/p>\n<p>Wie haben Sie ihre Polizistin und Polizisten motiviert? Kann die Staatsanwaltschaft dazu beitragen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Aber wir hatten auch zuvor schon zwei, drei gro\u00dfe Verfahren. Wir hatten einfach das Gl\u00fcck in Rottweil sehr, sehr motivierte Beamte zu haben.<\/p>\n<p>Wie haben sie die Angeklagten im Prozess erlebt? Als M\u00e4nner mit schwarzem Anzug und Sonnenbrille wie in Mafia-Filmen?<\/p>\n<p>Nein! Sie waren mir gegen\u00fcber respektvoller als die Verteidiger. Einer der Angeklagten war etwas geltungsbed\u00fcrftig, aber das waren ganz normale Angeklagte, wie man sie immer wieder erlebt.<\/p>\n<p>Glauben Sie, dass dieses Verfahren bei der Gegenseite wahrgenommen wird? im Publikum soll ein verurteilter Mafioso gesessen haben.<\/p>\n<p>Inwiefern es da ein Interesse gibt, kann ich nicht beurteilen, das wei\u00df ich nicht. Sicher werden die aber ein Interesse haben am Ausgang des Verfahrens, davon kann man ausgehen.<\/p>\n<p>Man kann diesen Prozess als Teil eines Gro\u00dfen und Ganzen sehen, das man gemeinhin als \u201eWar on Drugs\u201d bezeichnet. Doch sehr wirksam ist dieser Krieg gegen die Drogen nicht, wir erleben in Europa eine Kokainschwemme.<\/p>\n<p>Von einer Liberalisierung halte ich nichts, einfach aus gesundheitspolitischen Gr\u00fcnden. Man sieht gerade bei Jugendlichen, welche Folgen schon die weiche Droge Marihuana haben kann. Teilweise verursacht das Rauschgift schlimme Psychosen. Aber ich gebe Ihnen zu, es ist sehr viel Rauschgift auf dem Markt, es ist ein Kampf gegen die Windm\u00fchlen.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte man diesen Kampf erfolgreicher gestalten?<\/p>\n<p>Man muss den Weg, den die Italiener gegangen sind, forcieren \u2013 man muss den Weg des Geldes verfolgen. Das passiert in Deutschland zu wenig. 2017 wurden ja einige Gesetze ge\u00e4ndert, es bleibt abzuwarten, ob die tats\u00e4chlich umgesetzt werden. Das Instrumentarium ist da, aber man muss es auch nutzen. Und das ist mit viel Arbeit verbunden. Man braucht motivierte Staatsanw\u00e4lte und es kostet einen Haufen Zeit. Und auch wir in der Staatsanwaltschaft werden an Statistiken gemessen. So ein OK-Verfahren verlangt viel Zeit und Personal. In meinem Verfahren etwa waren das allein im Hauptverfahren 100 Sitzungen mit zwei Personen jeweils aus meiner Abteilung. Zus\u00e4tzliches Personal haben wir f\u00fcr das Verfahren leider nicht bekommen. Nach dem Personalbedarfsberechnungssystem (Pebb\u00a7y) wird uns ein solches Verfahren mit 2000 Minuten \u2013 wobei es sich nat\u00fcrlich um einen Durchschnittswert handelt \u2013 angerechnet! Da bringen viele einfache Verfahren wie Ladendiebst\u00e4hle f\u00fcr eine Beh\u00f6rde mehr Personal und das erkl\u00e4rt dann vielleicht auch die insgesamt relativ wenigen OK-Verfahren.<\/p>\n<p>Und jetzt ist alles vorbei?<\/p>\n<p>Wir haben gegen die letzten beiden Urteile Rechtsmittel eingelegt und warten die schriftlichen Gr\u00fcnde ab. Die Kammer hat jetzt 6 Monate ungef\u00e4hr Zeit die Urteilsbegr\u00fcndung abzufassen. Wir werden das dann revisionsrechtlich pr\u00fcfen, ob Fehler vorliegen in der Strafzumessung oder der Beweisw\u00fcrdigung.<\/p>\n<p>Gab es denn danach noch Kontakt zwischen ihnen und den Angeklagten irgendeiner Form?<\/p>\n<p>Zum Teil habe ich auch positive R\u00fcckmeldung bekommen, wo ich sie nicht erwartet h\u00e4tte. Ein Angeklagter aus Kalabrien hat sich pers\u00f6nlich verabschiedet. Er hat sich bedankt f\u00fcr die Fairness und mir gesagt, wenn ich dort mal Urlaub machen sollte, in Kalabrien, sollte ich vorbeischauen bei der Familie. Was ich nat\u00fcrlich abgelehnt habe. Die Angeklagten waren wirklich respektvoller als die Verteidiger. Die Verteidiger waren eher das Problem des Verfahrens, es war eine ihrer Strategien, das Gericht m\u00fcrbe zu machen, was zum Teil auch gelungen ist.<\/p>\n<p>Wenn Sie gerade \u00fcber die Verteidiger sprechen: es gab ja einen Verteidiger, dessen erster Satz im Verfahren \u00fcberhaupt im Grunde als eine Drohung verstanden werden konnte an die Zeugen. Sinngem\u00e4\u00df zusammengefasst sagte er: Wer den Mund h\u00e4lt, wird 100 Jahre alt.<\/p>\n<p>Das kann man nat\u00fcrlich so verstehen, wobei, bei dem Anwalt wei\u00df ich nicht, ob er \u00fcberhaupt verstanden hat, was er gesagt hat. Vielleicht wollte er sich damit nur br\u00fcsten. Ob das tats\u00e4chlich eine Drohung war, muss ich offenlassen. Fakt war aber, dass zun\u00e4chst eisern geschwiegen wurde.<\/p>\n<p>Hatten Sie das Gef\u00fchl, genug Wissen \u00fcber das Thema Italienische Organisierte Kriminalit\u00e4t zu haben?<\/p>\n<p>Ich habe viel gelernt in diesem Verfahren, muss ich ehrlich sagen. Es war mein erstes gro\u00dfes Rauschgift-Verfahren mit Mafia-Bezug. Nein, ich bin da relativ neu reingegangen und habe mich damit erst dann besch\u00e4ftigt, als ich Kontakte in Italien gekn\u00fcpft habe und es in den Ermittlungen um das Thema ging.<\/p>\n<p>Sehen Sie da Handlungsbedarf, etwa in politischer Hinsicht? M\u00fcsste man Staatsanw\u00e4lte schulen?<\/p>\n<p>Ja. Vor allem wegen des grenz\u00fcberschreitenden Aspekts der Arbeit. Wir sind jetzt da ja auf dem Weg mit der europ\u00e4ischen Staatsanw\u00e4ltin und es gibt Eurojust als europ\u00e4ische Koordinierungsstelle f\u00fcr Ermittlungen. Aber eine entsprechende Schulung, Tagungen zum Thema w\u00e4ren sicherlich gut, zu denen man auch die jungen Kolleginnen und Kollegen hinschickt. Das JIT Verfahren (Justice Investigation-Team) mit Ermittlungsteams in zwei oder mehr europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ist ein wichtiges Mittel. Wir hatten auch zwei solcher Verfahren bei uns in der Beh\u00f6rde. Die Rechtshilfe ist teilweise sehr, sehr formal und zeitaufwendig, das schreckt viele Kollegen ab. Die sagen dann, ach, Rechtshilfe ist schwierig. Das ist dann der Grund f\u00fcr die Angst vor dem Ausland bei den Kollegen. Das JIT vereinfacht das.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt in Gespr\u00e4chen mit italienischen Staatsanw\u00e4lten auf, dass sie sehr viel besser \u00fcber kriminelle Strukturen Bescheid wissen. Warum ist das so?<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es in Deutschland viel einfacher, einen Delinquenten festzunehmen mit 5 Kilo Drogen als in die Tiefe zu gehen und Strukturen zu ermitteln. Strukturermittlungen kosten Zeit, und wir werden danach beurteilt, wie viel F\u00e4lle wir machen. Deswegen werden zu wenig solcher Entwicklungen in Deutschland gemacht.<\/p>\n<p>Wie oft mussten sie f\u00fcr diese Ermittlung nach Italien reisen?<\/p>\n<p>Ich war dreimal in Sizilien. Das war pers\u00f6nlich bereichernd, die Gastfreundlichkeit der Kollegen dort. Und wenn man sieht, wie die italienischen Polizisten arbeiten, unter welchen Bedingungen und f\u00fcr wie wenig Geld, da haben unsere deutschen Polizisten auch erst gesehen, wie gut es ihnen hier eigentlich geht. Au\u00dferdem lernt man voneinander: die Italienischen Ermittler schauen zum Beispiel viel mehr nach den Ertr\u00e4gen krimineller Gesch\u00e4fte als wir in Deutschland. In unserem Verfahren wurden sechs Millionen Euro beschlagnahmt, der gr\u00f6\u00dfte Teil in Italien.<\/p>\n<p>Was ist der besondere Reiz an Ermittlungen im Drogen- und Mafia-Bereich?<\/p>\n<p>Man hat einen sehr direkten Kontakt zur Polizei, das schwei\u00dft zusammen. Und es ist spannend, auch wenn man dank Ma\u00dfnahmen zur Telekommunikations\u00fcberwachung sieht, was so l\u00e4uft. Das ist einfach sehr, sehr interessant.<\/p>\n<p>Haben sie noch Kontakt nach Italien jetzt?<\/p>\n<p>Ich gehe jetzt ja in Pension; zu meinem Ausstand wollten eigentlich vier Polizisten kommen. Aber wegen Corona ging das nicht. Ich habe weiterhin Kontakt und wenn ich einmal in Sizilien bin, werde ich die Kollegen sicher besuchen.<\/p>\n<p>Schauen Sie jetzt noch Mafiafilme?<\/p>\n<p>(lacht) Eher selten. Ich schalte ja noch nicht mal Tatort an. Das hat mit der Realit\u00e4t wenig zu tun.<\/p>\n<p>Dieses Interview wurde in gek\u00fcrzter Form in Cicero Online \u2013 Magazin f\u00fcr politische Kultur ver\u00f6ffentlicht.&#8220;&nbsp; <a href=\"https:\/\/mafianeindanke.de\/m+1an-muss-den-weg-des-geldes-verfolgen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mafianeindanke<\/a><\/p>\n<p>ZUR PERSON<\/p>\n<p>Dr. Joachim Speiermann ist in Rendsburg (Schleswig-Holstein) geboren und verheiratet. 1986 ist er in die Justiz eingetreten und war bis 2002 Richter in verschiedenen Gerichten: am Amtsgericht, der Gro\u00dfen Strafkammer und am Sch\u00f6ffengericht in Konstanz und Singen. Von 1993 bis 1996 wirkte er als abgeordneter Richter an der Universit\u00e4t Konstanz. 2002 wechselte er in die Konstanzer Staatsanwaltschaft, zuerst als Abteilungsleiter einer Allgemeinen Abteilung und ab 2014 als stellvertretender Beh\u00f6rdenleiter und Leiter der OK- und Rauschgiftabteilung.<\/p>\n<p>Das Foto zeigt den Staatsanwalt Dr. Joachim Speiermann (rechts) mit Wolfgang Rahm vom LKA Stuttgart und Thomas Flaig und Thomas Hechinger von der Polizeidirektion Rottweil.<a href=\"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/staatsanwalt-man-muss-dem-weg-des-geldes-verfolgen\/man-muss-dem-weg-des-geldes-verfolgen1\/\" rel=\"attachment wp-att-27692\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-27692\" src=\"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Man-muss-dem-Weg-des-Geldes-verfolgen1.jpg\" alt=\"\" width=\"945\" height=\"654\" srcset=\"https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Man-muss-dem-Weg-des-Geldes-verfolgen1.jpg 945w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Man-muss-dem-Weg-des-Geldes-verfolgen1-300x208.jpg 300w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Man-muss-dem-Weg-des-Geldes-verfolgen1-768x532.jpg 768w, https:\/\/www.w-t-w.org\/de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Man-muss-dem-Weg-des-Geldes-verfolgen1-433x300.jpg 433w\" sizes=\"auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px\" \/><\/a><\/p>\n<header>\n<div>\n<div class=\"top-page-area\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n<\/header>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mafia? 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