Moneyland: Die dunklen Geschäfte der Finanzindustrie

„Moneyland“ taucht tief ein in die Welt der Banken und beleuchtet die Schattenseiten der internationalen Finanzindustrie. 

Ehemalige Banker, Whistleblower und Finanzexperten berichten über Finanzskandale, zum Beispiel bei der Deutschen Bank. Ein aufrüttelnder Film über die dunkle Seite der Finanzindustrie und die Frage nach persönlicher Verantwortung in der Chefetage. In der schillernden Welt von ʺMoneylandʺ verwandelt sich schmutziges Geld auf Knopfdruck in sauberes. Regisseur Marc Wiese taucht tief ein in die Welt der Banken und beleuchtet die Schattenseiten der internationalen Finanzindustrie. 

Er spricht mit ehemaligen Bankern und Finanzexperten über die Finanzskandale rund um die Deutsche Bank. Zinsmanipulationen, Geldwäsche und risikoreiche Derivate – Wetten auf Kreditausfälle – nennt der Film als Beispiele für ein System, in dem der Profit moralische Fragen in den Hintergrund drängt. So unterhielt die Deutsche Bank jahrelang Geschäftsbeziehungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein – selbst nachdem die Bank JPMorgan Chase, bei der Epstein zuvor Kunde war, die Zusammenarbeit beendet hatte. Seit der Finanzkrise von 2008 gelten strengere Regeln für die Branche. 

Doch reichen diese aus? Wer trägt die Verantwortung, wenn Vorschriften gebrochen oder umgangen werden? Regisseur Wiese will mit seinem Film auf die dunklen Seiten der Finanzwelt aufmerksam machen – und stellt dabei die Frage nach der persönlichen Verantwortung in den Chefetagen der Banken.

Dokumentation: ARD

Der mächtigste Mafioso Deutschlands

Ein Pizzabäcker aus Stuttgart soll eine zentrale Figur der weltweit größten italienischen Mafia-Organisation sein. Was steckt dahinter?

Vielen Dank an Helena Piontek und Sandro Mattioli für die spannenden Interviews!
Kriminalhauptkommissar Wolfgang Rahm, wird nicht etwa befördert, sondern er wird von seinen Aufgaben entbunden und versetzt – oder wie die beiden Autoren des SZ-Artikels formulieren „kaltgestellt“. Weitere Angaben zu diesem doch schockierenden Vorgang seien, so die Autoren, weder vom LKA noch von der Staatsanwaltschaft Stuttgart gemacht worden.

Waren Donald Trump und Elon Musk Ziel russischer Agenten?

Elon Musks Putin-Connection

Elon Musk soll Ziel russischer Agenten gewesen sein, berichtet ein Ex-FBI-Agent im ZDF. Es soll auch Kontakt mit Putin gegeben haben. Was dahinter steckt, zeigt ZDFheute live.

Russische Geheimdienst-Operation: Elon Musk wohl Ziel von Putin-Agenten

US-Milliardär Elon Musk soll Ziel russischer Agenten gewesen sein, berichtet ein Ex-FBI-Agent im ZDF. Es soll auch direkten Kontakt mit Putin gegeben haben. Was dahinter steckt, zeigt eine neue ZDF-Doku.
Russische Agenten sollen sich immer tiefer in die Firmen amerikanischer Tech-Milliardäre vorgearbeiten haben, berichtet der ehemalige FBI-Agent Johnathan Buma exklusiv im ZDF. Der Auftraggeber: Der russische Präsident Wladimir Putin.
Welche Interessen verfolgt Russland? Und welchen Einfluss hat Kremlchef Putin auf die US-Politik? Bei ZDFheute live spricht Doku-Autor und ZDF-Korrespondent Johannes Hano über seine Recherchen.

Ex-FBI-Mann: Musk war Ziel russischer Agenten

von Johannes Hano und Dominik Rzepka

US-Milliardär Elon Musk soll das Ziel russischer Agenten gewesen sein. Sie sollen sich in sein Umfeld geschleust haben, am Ende soll es sogar Kontakt mit Putin gegeben haben.

zdf.de/
Focus.de

by Nick Anderson / Houston Chronicle & Hearst Papers (WPWG 2016)

by Steve Sack / Minneapolis Star Tribune (CagleCartoons.com 2016)

Die Affäre Cum-Ex

Ein kriminelles Netzwerk aus wohlhabenden Investoren, Bankern und Anwälten hat einen Steuerbetrug in Höhe von 146 Milliarden Euro in ganz Europa inszeniert und damit den größten finanziellen Raubzug des Kontinents an den Steuerzahlern begangen.

The Cum Ex scandal with taxpayers’ money is now on television.
Die Affäre Cum Ex
Other people’s money (CUM EX Scandal) 

 

 

 

Staat und Wirtschaft wollen ihre Geheimnisse hüten. Was der Gesellschaft bleibt, sind Whistleblower.

Mit dem Koalitionsvertrag verabschiedet sich die künftige Bundesregierung von der „Aufklärung“. CDU/CSU wollen das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) von 2005 „reformieren“. Die SPD, die einmal „mehr Demokratie wagen“ wollte, macht mit. Die Gefahr ist klar: In den kürzlich geleakten Papieren aus der Koalitionsverhandlung stand anstelle von „reformieren“ noch „abschaffen“. Eine Welle der darauffolgenden zivilgesellschaftlichen Empörung hat die Formulierung weichgespült. Das IFG ist bisher ein Instrument, durch mehr Transparenz den freien demokratischen Willensbildungsprozess zu stärken, Missstände aufzudecken und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Diese Aufgaben werden künftig verstärkt Whistleblower übernehmen müssen.

Die Wirtschaft soll „entlastet“ werden. Zur Entlastung zählt die Abschaffung der Berichtspflichten des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes und der Sanktionen, mit denen menschenrechtswidrige Praktiken der globalen Zulieferer von deutschen Unternehmen verhindert werden sollten.

Verstöße gegen Menschenrechte und Humanität, Arbeits- und Umweltschutz ohne Sanktionsandrohungen dürften denjenigen nun egal sein, die von billigeren Produkten der Zulieferer profitieren. Aber den Arbeitskräften im globalen Süden wird damit wieder ein Stück Hoffnung auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen genommen.Sie sind auf mutige Whistleblower angewiesen, die Elend, Missstände und Rechtsverstöße öffentlich machen.Die deutschen Nachrichtendienste dürfen laut Koalitionsvertrag schon bald offiziell aus dem Füllhorn der Vorratsdatenspeicherung und Chatnachrichten schöpfen! Den Diensten soll die anlasslose Überwachung der „nationalen Sicherheit“ immer leichter gemacht werden.

Darum braucht die Gesellschaft gerade auch in diesem Bereich Whistleblower, die Übergriffe und Verstöße melden.Annegret Falter, Vorsitzende von Whistleblower-Netzwerk, appelliert daher an alle Beschäftigten:
Die Entwicklungen in den USA zeigen, dass eine wehrhafte Demokratie die Kontrolle der Mächtigen braucht. Das gilt auch für uns in Deutschland. Lassen Sie uns gemeinsam den Abbau von Kontrollmechanismen in Staat und Wirtschaft ein Stückweit ausgleichen. Melden Sie sich mit Informationen über Verstöße gegen Recht, ethische Gebote und sonstige Missstände auf unserer Plattform!

Wichtig für uns Frauen Informationsfreiheitsgesetz!

Informationsfreiheitsgesetz

Das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) schafft einen voraussetzungslosen Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen bei Behörden des Bundes.
Gesetz zur Regelung des Zugangs zu Informationen des Bundes. Es ist damit unverzichtbar, insbesondere auch für uns Frauen!

Das Informationsfreiheitsgesetz ist aus mehreren Gründen besonders wichtig für Frauen. Erstens ermöglicht es den Zugang zu amtlichen Informationen, die für die Gleichstellung der Geschlechter und die Förderung von Frauenrechten entscheidend sein können. Durch den Zugang zu Daten und Informationen können Frauen besser informiert Entscheidungen treffen, sei es in Bezug auf Bildung, Gesundheit oder berufliche Möglichkeiten.

Zweitens fördert das IFG Transparenz und Rechenschaftspflicht in der Verwaltung. Dies ist besonders wichtig, um sicherzustellen, dass die Bedürfnisse und Anliegen von Frauen in politischen Entscheidungen und Programmen berücksichtigt werden. Wenn Frauen Zugang zu Informationen haben, können sie aktiv an der Gestaltung von politischen Prozessen teilnehmen und ihre Stimme in der Gesellschaft stärken.

Darüber hinaus kann das IFG dazu beitragen, Diskriminierung und Ungleichheiten aufzudecken, indem es den Zugang zu Informationen über geschlechtsspezifische Statistiken und Berichte erleichtert. Dies ist entscheidend, um auf Missstände aufmerksam zu machen und Veränderungen herbeizuführen.

Insgesamt ist das IFG ein wichtiges Werkzeug, um die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern und Frauen die Möglichkeit zu geben, informierte Entscheidungen zu treffen und aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben.

Das Gesetz gewährt jeder Person einen voraussetzungslosen Rechtsanspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen von Bundesbehörden. Eine Begründung durch Interesse rechtlicher, wirtschaftlicher oder sonstiger Art ist nicht erforderlich. Der Anspruch auf Informationszugang richtet sich auf Auskunft oder Akteneinsicht in der Behörde. Jeder ist anspruchsberechtigt (Jedermannsrecht). Eine eigene Betroffenheit – rechtlich oder tatsächlich – wird nicht verlangt.

CDU und CSU möchten in der kommenden Koalition das Informationsfreiheitsgesetz abschaffen. Gelingt ihnen das, ist mit mehr Korruption zu rechnen.
Amthors Rache: Angriff auf Informationsfreiheit

Harm Bengen
www.w-t-w.org/en/harm-bengen/

Hohe Strafe wegen verspäteter Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinie

Wofür Geld da ist und wofür nicht.
Deutschland muss 34 Millionen Euro Strafe an die EU zahlen. Es ist seinen Verpflichtungen aus der Richtlinie 2019/1937 (EU) (EU) zum Hinweisgeberschutz nicht nachgekommen.

Während Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand soziale Träger und kulturelle Einrichtungen zwingen, ihre Angebote einzuschränken und zivilgesellschaftliche Organisationen ihre Zuwendungen verlieren sollen, hat die Bundesregierung eine hohe finanzielle Sanktion durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Kauf genommen. Für einen Unterstützungsfonds für Whistleblower ist dagegen kein Geld da.

Grund für die nun fällige Zahlung eines Pauschalbetrages von 34 Mio. Euro ist die verzögerte Umsetzung der EU-Whistleblowing-Richtlinie durch das erst am 2. Juli 2023 in Kraft getretene Hinweisgeberschutzgesetz. Die Whistleblower-Richtlinie hätte bis zum 17. Dezember 2021 in nationales Recht umgesetzt und die Kommission davon in Kenntnis gesetzt werden müssen. Das ist nicht geschehen. Die damalige Koalition aus CDU/CSU und SPD scheiterte an der Umsetzung vor allem, weil sich CDU/CSU einer gebotenen Ausweitung des sachlichen Anwendungsbereichs entgegenstellten. Erst im Mai 2023 stimmten CDU/CSU einer Ausweitung des sachlichen Anwendungsbereichs zu – zu spät, um die Verurteilung durch den EuGH abzuwenden. Nun also: 34 Mio. Euro weniger im Etat.

Deutschland ist nicht der einzige Staat, der wegen verspäteter Umsetzung der Richtlinie sanktioniert worden ist. Auch Ungarn, Tschechien, Estland und Luxemburg hat der Europäische Gerichtshof heute zur Kasse gebeten.

Whistleblower-Netzwerk hat einen Vorschlag zur Verwendung dieses relativen Geldsegens: Daraus möge auf europäischer Ebene der überfällige Unterstützungs- und Kompensationsfonds für geschädigte Whistleblower eingerichtet werden. Denn „Schaden“ sagt Kosmas Zittel, Geschäftsführer von Whistleblower-Netzwerk, „Schaden nehmen Whistleblower fast immer – beruflich oder privat, gesundheitlich oder finanziell. Kompensation tut dringend Not.
WBN – Whistleblower-Netzwerk e.V.

Protection for whistleblowers to be strengthened
by: Rob Moss

Wie Billionen in die Geldwäsche fließen

Illegalen Geschäfte mit Drogen, Waffen, Geld und Menschen.

Finanzkriminalität rückt ins Zentrum, insbesondere die Geldwäsche. Sie ist ein Must-have für kriminelle Organisationen, denn erst dadurch können die illegal erwirtschafteten Einnahmen regulär genutzt und investiert werden. Dafür werden die Gelder in den legalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust. Welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen das hat, steht im Mittelpunkt dieser ersten Folge.

Gesprächspartner ist Konrad Duffy von Finanzwende, dieser überparteiliche Verein sieht sich als Gegengewicht zur Finanzlobby, kämpft für faire und nachhaltige Finanzmärkte. Neben ihm werden weitere Experten zu Wort kommen.


Wie Billionen in die Geldwäsche fliessen / Podcast

Cartoon: Geldwäsche (medium) by Kostas Koufogiorgos tagged schweiz,deutschland,bank,geldwäsche,waschanlage,steuer,fahndung,hinterziehung
Cartoon/ Kostas Koufogiorgos

Tax Wars – Krieg der Steuern

Wirtschaft und Finanzen sind zu wichtig, um sie allein den Politikern und Technokraten zu überlassen. Wir alle brauchen mehr Finanzbildung, sagt Jayati Ghosh/ ICRICT in diesem hochinteressanten Arte Beitrag .

Der Dokumentarfilm blickt hinter die Kulissen im weltweiten Kampf gegen die Steuerflucht von Großkonzernen. Das Thema ist von großer Bedeutung: Steuereinnahmen dienen in Zeiten zunehmender Ungleichheit und eines erstarkenden Populismus dazu, den Sozialstaat und den Kampf gegen den Klimawandel zu finanzieren.

Dabei gibt es Ansätze für eine gerechtere und nachhaltige Gesellschaft. Einer von ihnen fußt auf der Beendigung der Steuerflucht von Großkonzernen.

Thomas Piketty, Joseph Stiglitz, Eva Joly, Gabriel Zucman und Jayati Ghosh haben sich diesem Ziel verschrieben und 2015 die Unabhängige Kommission für die Reform der Internationalen Unternehmensbesteuerung (ICRICT) gegründet. Sie schrieben Berichte, kontaktierten Ministerien, gaben zahlreiche Konferenzen und unterstrichen immer wieder die Dringlichkeit einer Neuordnung des globalen Steuersystems.

Nach sechs Jahren wurden ihre erst als utopisch abgetanen Forderungen zum Leitfaden für eine historische Steuerreform, die im Oktober 2021 von 140 Staaten unterzeichnet wurde. Sie könnte den Staaten um die 220 Milliarden Dollar an zusätzlichen Steuereinnahmen verschaffen. Das wäre zwar immer noch nicht genug, aber immerhin ist es die erste derartige Veränderung in diesem Jahrhundert. Steuerflucht ist kein Kavaliersdelikt mehr und wird härter geahndet.

Der Dokumentarfilm zeichnet die Überzeugungsarbeit dieser Wirtschaftsweisen nach: wie sie die öffentliche Meinung für sich gewannen und sich gegen die mächtigsten Konzerne der Welt behaupten konnten.

 

Dokumentarfilm von Hege Dehli und Xavier Harel (F/N 2024, 93 Min)

Dr. Jan Tomaschoff
www.w-t-w.org/en/dr-jan-tomaschoff/

Italien: Schrittweise Demontage einer demokratischen Republik?

 – Persönliche Gedanken einer Zeitungsleserin.

Freunde Italiens gibt es bei uns in Deutschland zu Hauf. Wer von ihnen sich auch für italienische Politik interessiert, hatte in der Vergangenheit schon manches Mal Grund, fragend die Stirne zu runzeln, gleichzeitig konnte man von 2012  bis 2018 verfolgen, wie „das andere Italien“ – so nennen sich Antimafia-Aktivisten selber –  einen unglaublichen Erfolg feiern konnte. In Palermo mussten im sog. Prozess zur trattativa (1) neben Mafiabossen auch ehemalige Minister und hohe Ränge der Carabinieri nebeneinander auf der Anklagebank Platz nehmen: „Erpressung eines  staatlichen Gremiums“ lautete die Anklage. Sie bezog sich auf die Verhandlungen, die 1992 einige Carabinieri durch Vermittlung des Mafia-Politikers Vito Ciancimino mit dem Boss der Bosse, Totò Riina, aufgenommen hatten. Die erste Instanz endete mit hohen Haftstrafen. Doch danach wendete sich insgesamt das Blatt: Man musste feststellen, dass die Mafia sich auch unter der Maske der Antimafia versteckt, das höchste Richtergremium, der CSM, wurde von Skandalen erschüttert, und im Januar 2022 musste ein neuer Staatspräsident gewählt werden. Es erfolgte ein würdeloser Kampf der Parteien um einen geeigneten Kandidaten. Darunter der 86jährige Silvio Berlusconi, der übrigens von Manfred Weber CSU/EVP unterstützt wurde! Das Spektakel endete zur Erleichterung ganz Italiens damit, dass Sergio Mattarella (damals 81) einer Wiederwahl zustimmte.

Auch der Verlauf des Prozesses zur trattativa nahm eine negative Wendung: In der 2. Instanz sprachen die Richter außer den Mafiabossen alle Angeklagten frei:  die 3 Carabinieri „weil die Tat“, dass Staatsvertreter mit Cosa Nostra verhandeln „kein Verbrechen ist“ (2), Dell’Utri „weil er die Tat nicht begangen hat“ (3). Und die 3. Instanz bestätigte 2023 die Freisprüche und hob u.a. hervor, dass die Carabinieri „die Tat nicht begangen“ hätten.  Die Anklage lautete „Erpressung des italienischen Staats“, die Richter der 3. Instanz aber attestierten den Polizeibeamten, spontan, vielleicht etwas unüberlegt, aber in bester Absicht – nämlich weitere blutige Attentate zu verhindern – gehandelt zu haben.

Werfen wir einen Blick auf die Regierungen: Die Regierungschefs Conte und Draghi hielten nicht lange durch, und so kam es, dass im Oktober 2022 zum ersten Mal in Italien eine Frau Ministerpräsidentin wurde. Sie führt mit ihrer Partei Fratelli d’Italia (FDI) „Brüder Italiens“ – mit diesen Worten beginnt die italienische Nationalhymne  – eine rechtsextreme Koalition an: Der Stammbaum der Meloni-Partei reicht über die  postfaschistische Alleanza nazionale und den Movimento Sociale Italiano, der im Dezember 1946 gegründet wurde, zurück bis in die Zeiten des italienischen Faschismus. Koalitionspartnerin ist die erzkonservative Lega, ehemals Lega Nord, für die ein einheitliches Etikett zu finden mir schwerfällt (4). Die Dritte im Bunde ist Berlusconis Forza Italia: Was auch in der deutschen Presse immer wieder ausgeklammert wird (ist das jetzt Diskretion oder Omertà?): Forza Italia ist die Partei der Mafia, denn die beiden wichtigsten Gründungsmitglieder waren Berlusconi, der jahrelang Cosa Nostra finanziert hat, und „die rechte Hand von Berlusconi“, Marcello Dell’Utri, der eine 7jährige Haftstrafe absitzen musste, weil er der „Botschafter“ der Cosa Nostra im Hause Berlusconi gewesen war.

Zurück zur aktuellen Regierung Meloni (Hier ein auch nur annähernd vollständiges Bild zeichnen zu wollen, ist mir kaum möglich):

Zuerst wurden die meisten Corona-Maßnahmen beendet und dann starb Silvio Berlusconi! Mit ihrem pompösen Maßnahmenkatalog brachte die neue Regierung wie gehabt alle etwaigen Seufzer der Erleichterung und alle kritischen Stimmen zum Verstummen:  Staatsbegräbnis (die einzige gesetzlich  vorgesehene Maßnahme) + Trauerbeflaggung im ganzen Land + dreitägige Staatstrauer der Regierung, + Trauerpause des Parlaments, Dauer: 1 Woche. Ehrungen und Lobhudeleien auf den Verstorbenen in allen Fernsehkanälen und fast allen Presseorganen. (5)  Und was das Schlimmste ist: Falls jemand hoffte, der Berlusconi-Spuk habe jetzt ein Ende, der musste erkennen, dass er sich irrte: Die Ideen des Ex-Cavaliere leben munter weiter: Als z.B. der Justizminister Nordio sein Reformpaket für die italienische Justiz im Sommer 2023 vorstellt, betont er, es sei der Erinnerung an Berlusconi gewidmet. Es sei so schade, dass dieser die Umsetzung der von ihm schon immer geforderten Reformen der Justiz nicht mehr miterleben könne, und er schließt: „Und die Verfassung ändern wir auch noch!“ (6) Vorläufig letzte staatliche Huldigung: Berlusconi erhält eine eigene Briefmarke.

Berlusconi hat mit seiner Politik übrigens für einen neuen Begriff gesorgt: le leggi ad personam, d.h. Gesetze, die nicht für das Wohl der italienischen Bürger gemacht wurden, sondern damit eine einzelne Person, nämlich Berlusconi selber, daraus Nutzen ziehe. Die Zeitung repubblica zählte 18 dieser Gesetze auf (7): Hat er die Abgeordneten überzeugt, gezwungen, erpresst, gekauft? Das weiß man nur in wenigen Fällen. Jedenfalls ist es ihm gelungen, sich mit einer Ausnahme (wegen Steuerhinterziehung) jeder Strafverfolgung zu entziehen. Und der vielleicht heikelste Prozess, der in Florenz vorbereitet wird – angeklagt sind Berlusconi und Dell’Utri, die Auftraggeber der „Mafia“-Attentate in Florenz, Rom und Mailand (1993) gewesen zu sein, hat sich für ihn durch seinen Tod nun ebenfalls erledigt.

Wir sind im Sommer 2023: Viele Italiener erleben kurz vor Ferienbeginn einen Schock, ausgelöst durch eine SMS auf dem Handy: Auf diesem Wege wurde den Beziehern des „Bürgergeldes“, das erst 2019 von der Regierung Conte eingeführt worden war, mitgeteilt, dass ihre Berechtigung zum Bezug gecancelt werde (8). Die Zahl der Berechtigten schrumpft damit von ca. 1,7 Millionen auf 300 000. Was passiert, wenn sich der Staat aus einer Pflicht verabschiedet, die er seinen Bürgern schuldet? Die Mafien springen ein. In der Vergangenheit, wenn die Bürger zu den Wahlurnen gerufen waren, war es schon gang und gäbe, dass die Mafia Wähler-Stimmen statt in Euro mit vollen Einkaufstüten bezahlte. Auch während der Corona-Pandemie wurden die Ärmsten der Armen nicht nur von kirchlichen Organisationen, sondern auch von Lieferdiensten der lokalen Mafia versorgt. Was wird also die Abschaffung des Bürgergelds bewirken? Man kann es sich vorstellen.

Das wichtigste Reformpaket der Berlusconi-Nachfolger aber ist die Reform der Justiz: Stets vorgebrachter Vorwand für die Reformen ist die Aufforderung aus Europa, die Prozessdauer zu verringern. Ein Gerichtsurteil ist in Italien erst endgültig, wenn es in 3. Instanz bestätigt ist. Beim Prozess zur sog. trattativa (Beginn 2012) kam das endgültige Urteil Ende 2023. Man kann aber von einem Vorwand sprechen, denn er macht auch Reformen möglich, die dazu dienen, die von der italienischen Verfassung vorgesehene völlige Unabhängigkeit der Justiz von der Exekutive zu modifizieren oder gar abzuschaffen. Was Berlusconi in den langen Jahren seiner Herrschaft nicht gelungen ist, schafft jetzt die Regierung Meloni. Wenden wir uns zunächst den Reformen des Justizministers Nordio zu. Die wichtigsten Punkte:

  • Untersuchungshaft: Sie muss nun von drei Richtern statt von einem angeordnet werden und darf nicht mehr unangekündigt erfolgen: Die betroffene Person muss fünf Tage vorher benachrichtigt werden, dass sie sich einer Befragung stellen muss, die zur Untersuchungshaft führen kann. (Das heißt, wer sich der Verhaftung entziehen will, hat künftig fünf Tage Zeit, um sich aus dem Staub zu machen).
  • Die Staatsanwaltschaft kann nach einem Freispruch in 1. Instanz (betrifft eine Reihe von Vergehen) nicht mehr in Berufung gehen.
  • Abschaffung des Gesetzes gegen Amtsmissbrauch. Es wird ersetzt durch eines, das „unerlaubte Einflussnahme“ (durch Geldzuwendungen oder andere Geschenke) auf Behördenvertreter oder Personen, die im Auftrag einer Behörde handeln, unter Strafe stellt. (9)
  • Die Veröffentlichung von Abhörmaßnahmen ist nur noch dann erlaubt, wenn der Richter deren Inhalt in der Begründung einer gerichtlichen Maßnahme oder im Verlauf der Gerichtsverhandlung verwendet. Ebenfalls nicht veröffentlicht werden dürfen Abhörprotokolle, in die dritte Personen involviert sind. Begründung: Sie kosten zu viel, verletzen die Privatsphäre. Außerdem soll verhindert werden, dass Staatsanwälte daraus falsche Beweise konstruieren, und dass In den Medien Prozesse geführt werden, die vor Gericht gehören. (10)
  • Die Verjährung wird ohne Übergangslösung neu geregelt.
  • Smartphones, Tablets und Computer der Beschuldigten dürfen nur noch beschlagnahmt werden, wenn der Ermittlungsrichter dies erlaubt. Eine zweite richterliche Erlaubnis ist notwendig, wenn von dem darauf gespeicherten Material etwas für die Ermittlungen verwendet werden soll.
  • Neue Regelungen für magistrati (11): Die Abschlussprüfungen für angehende Richter und Staatsanwälte werden durch psychologische Eignungstests ergänzt, außerdem sollen Rechtsanwälte (von denen sehr viele für eine bestimmte politische Partei oder gar für die Regierung im Parlament sitzen) eine pagella, ein „Zeugnis“, für deren Arbeit erstellen. Kriterium für die Bewertung ist Erfolg oder Nichterfolg der von ihnen geführten Prozesse. Wird einem Richter/Staatsanwalt zum zweiten Mal mangelnder Erfolg bescheinigt, wird er entlassen.

Angriffe der Meloni-Regierung auf Presse- und Meinungsfreiheit: Das Staatsfernsehen RAI wurde schon in der Vergangenheit von der jeweiligen Regierung für eigene Zwecke missbraucht. Auch die Regierung Meloni macht da keine Ausnahme: In den Medien nennt man die RAI inzwischen Tele-Meloni: zu Recht, denn die Regel, dass die verschiedenen Parteien die gleiche Sendezeit in Anspruch nehmen dürfen, gibt es nicht mehr und die Regierung kann sich zu allem direkt äußern, ohne dass eine journalistische Einordnung oder die Präsentation von Gegenstimmen verlangt wäre. Unliebsame Sendungen und Moderatoren werden abgesetzt: Beispiele sind Roberto Savianos Sendung faccia a faccia col crimine (von Angesicht zu Angesicht mit dem Verbrechen) und Sigfrido Ranucci mit seiner Sendung „Report“, die für ihre journalistischen Recherchen zu heiklen Themen aller Art bekannt ist. Der Moderator wurde vom Aufsichtsgremium der RAI zu einer Befragung einbestellt, die letzten Folgen seiner Sendung, die bisher stets im Sommer wiederholt wurden, sind für 2024 gestrichen. Fabio Fazio, ein Moderator, der für die journalistische Qualität seiner wöchentlichen Talkshow sehr geschätzt wurde, bekam seinen Vertrag einfach nicht verlängert. Letztes Beispiel: Der 25. April ist in Italien ein nationaler Feiertag, an dem der Befreiung vom Nazifaschismus durch den Aufstand der Partisanen gedacht werden soll. Was passiert in einem Land, das von Anhängern des Faschismus regiert wird? Der fürs Staatsfernsehen vorgesehene Monolog des mit einer dreibändigen Mussolini-Biographie berühmt gewordenen Autors Antonio Scurati zum Thema Faschismus wird kurz vor Sendungsbeginn abgesetzt. Dem Vorwurf der Zensur begegnet die Regierungschefin mit der Begründung, Scuratis Beitrag koste zu viel, außerdem  ist sie so klug, den Text auf ihrer Facebook-Seite zu veröffentlichen (12)

Und der Wind für Journalisten wird in nächster Zukunft noch rauer werden: Im April 24 kündigt die Regierung an, das Gesetz gegen Diffamierung durch die Presse dahin gehend verbessern zu wollen, dass Journalisten in einem solchen Fall bis zu 4 ½ Jahre Gefängnis riskieren müssen.

Unbeliebt in Regierungskreisen sind nicht nur viele Medienvertreter, sondern auch Oppositions-Politiker, die sich nicht an das Regierungsnarrativ halten. Darunter ist auch Roberto Scarpinato, einer der klügsten Köpfe der Antimafia-Richter, die sich in ihrer Arbeit den Werten der italienischen Verfassung verpflichtet fühlen. Nach seiner Pensionierung wurde er auf der Liste der Fünfsterne-Bewegung in den Senat gewählt. Seine Redebeiträge sind dort ziemlich unbeliebt, weil er es gewohnt ist, stets den Finger in die Wunde zu legen – so unbeliebt, dass ihm der Senatspräsident Ignazio Benito La Russa (13) einmal, als der Senator auf Mafia und Dell’Utri zu sprechen kam, einfach das Mikrofon abdrehte.

„… und die Verfassung ändern wir auch noch!“ hat der Justizminister im Parlament verkündet. Er bezieht sich dabei auf „die Mutter aller Reformen“, wie Meloni das Projekt nennt. Es sieht die Direktwahl des Regierungschefs durch „das Volk“ vor, es genügt dabei die einfache Mehrheit. Die Wahlbündnisse müssen jeweils einen Kandidaten benennen, und ist er gewählt, erhält dessen Bündnis automatisch 55 Prozent der Sitze im Parlament und im Senat. – Allerdings braucht man auch in Italien zu einer Verfassungsänderung eine Zweidrittel-Mehrheit – noch gilt das.

Anmerkungen:

  1. Vollständiger Name: processo sulla trattativa Stato-mafia“– Prozess zu den Verhandlungen des italienischen Staates mit der Mafia. Wie kam es zu diesem Prozess? Im Januar 1992 bestätigte die 3. Instanz des von Falcone und Borsellino instruierten „Maxiprozesses“ gegen die Mafia die Urteile der vorangegangenen Instanzen: Für über 400 angeklagte Mafiosi wurden insgesamt 2665 Jahre Haft, darunter 19 Mal lebenslänglich, verhängt. Diesen Schlag hatte Cosa Nostra nicht erwartet – in der Vergangenheit endeten Mafia-Prozesse mit Freisprüchen – und so begann der Rachefeldzug der Mafia mit der Ermordung des für die Mafia tätigen Politikers der Democrazia cristiana Salvo Lima (März), es folgten die Attentate auf Giovanni Falcone (23.Mai1992) und Paolo Borsellino (19. Juli 1992). Etwa gleichzeitig machten sich hochrangige Polizeibeamte daran, den Kontakt zu Totò Riina für Verhandlungen zu suchen, um zu ermitteln, unter welchen Bedingungen die Mafia bereit wäre, den Kampf gegen den Staat einzustellen. Es existiert auch eine handgeschriebene Liste Totò Riinas mit seinen Forderungen: fast alle beziehen sich auf die Haftbedingungen für Mafiosi.
  2. Das ist sachlich richtig. In der italienischen Strafprozess-Ordnung kommt ein solches Vergehen gar nicht vor (vielleicht, weil man es sich davor gar nicht vorstellen konnte?)
  3. In der Begründung des Urteils wurde bemängelt, dass kein Beweis dafür vorgelegen habe, dass Dell‘Utri die Nachricht der Cosa Nostra, die er Berlusconi überbringen sollte, auch tatsächlich ausgerichtet habe.
  4. Die Lega Nord, gegründet 1989, vertrat zuerst separatistische Ziele, v.a. die Loslösung eines eigenen norditalienischen Staates, Padaniens, vom Süden. Man könnte sie als rassistisch, als gegen den Zentralstaat und manche seiner Gesetze gerichtet und als migrationsfeindlich bezeichnen.
  5. Die einzige mir bekannte Zeitung von nationaler Bedeutung, die nicht in irgendeiner Weise zum Medien-Imperium der Familie Berlusconi gehört, ist der Fatto quotidiano
  6. Zum Inhalt der geplanten Verfassungsänderung: s.u.
  7. Repubblica.it/
  8. Vielleicht vergleichbar mit Hartz IV
  9. Die italienische Regierung ignoriert damit die Vorgaben aus Brüssel zur Bekämpfung von Korruption und Amtsmissbrauch
  10. Der erbitterte Dauer-Protest zahlreicher Staatsanwälte weist darauf hin, dass die Abhörmaßnahmen eines der wichtigsten Instrumente der Strafverfolgung sind und betont, dass die schlimmsten Mafiabosse ohne sie nie im Gefängnis gelandet wären und dass Erkenntnisse über verbrecherische Machenschaften in Politik, Behörden, Wirtschaft usw. nie ans Tageslicht befördert worden wären. Roberto Scarpinatos Kommentar: „Die Mächtigen wollen sich nicht nur nicht den Prozess machen oder sich von einem Gericht verurteilen lassen, – sie wollen vor allem nicht, dass man erzählt, was sie tun“
  11. Im Italienischen gibt es für Richter und Staatsanwälte das gleiche Wort: il magistrato
  12. Das Phänomen hat auch einen nicht zur RAI gehörenden Sender erreicht: Der Betreiber des Fernsehsenders La7, Urbano Cairo, ein Schüler Berlusconis, was die Schaffung eines Medien-Imperiums angeht, setzte die Sendung Non è l’Arena von Massimo Giletti ab, als die anstehende Folge Berlusconis rechte Hand Dell’Utri zum Thema machte. Cairo ist übrigens seit 2016 zum Herrn über den Corriere della Sera geworden.
  13. Das Amt des Senatspräsidenten ist das zweithöchste im italienischen Staat. La Russa ist bekennender Faschist. Dem Corriere della Sera gab er anlässlich eines Interviews einen Einblick in seine Privatwohnung: Im Wohnzimmer hat er Mussolini-Büsten und andere Erinnerungsstücke an die Mussolini-Zeit gesammelt. Auch vor dem Hitlergruß in der Öffentlichkeit oder im Parlament scheut er nicht zurück:
    La Russa saluto romano

Zu Corona-Zeiten empfahl er, anstelle eines Händedrucks den Hitlergruß zu machen, denn dadurch würden keine Viren übertragen.

By ismail dogan
on September 26, 2022