Selbstständige sind die neuen Niedriglöhner

Bald sollen alle Arbeitnehmer mindestens 8,50 Euro pro Stunde verdienen. Ob Friseure oder Kioskbetreiber, Anwälte oder IT-Gründer: Hunderttausende Unternehmer müssen mit weniger auskommen.
Unternehmertum wird oft mit Reichtum gleichgesetzt – ein Irrtum  

Seit 22 Jahren steht Amara Messaoudi in seinem Kiosk am Rande der Düsseldorfer UnternehmerInnenstadt. Immer werktags von 6 bis 20 Uhr und samstags und sonntags von 9 bis 20 Uhr wartet er hinter seiner winzigen Verkaufstheke auf Kunden, eingekeilt zwischen Kaugummi, Zigaretten und Zeitungsständern. Gerade kommt einer herein und kauft eine Packung Zigaretten, für sechs Euro.

Messaoudis Mini-Laden liegt an der Graf-Adolf-Straße, einer stark befahrenen Magistrale mit wenig Laufkundschaft. Angestellte habe er „natürlich nicht“, sagt Messaoudi belustigt, seine persönliche Arbeitszeit sei mit den Öffnungszeiten des Büdchens identisch. Beim Thema Gewinn wird der gebürtige Tunesier wieder ernst: „Es geht fast alles für Miete, Strom und Steuer drauf“, sagt der 63-Jährige.
Selbstständige sind die neuen Niedriglöhner

Unternehmertum wird oft mit Reichtum gleichgesetzt – ein Irrtum

Debeka-Skandal: Ein kleiner Nebenjob?

Neue Ermittlungen zeigen: Beamte in der ganzen Republik arbeiten Versicherungen Debekazu. Viele brechen dabei das Recht.

Edgar Wagner ist ein gelassener älterer Mann, er thront geradezu auf seinem Stuhl, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Seine Sätze sind wie langsame, klare Flüsse, er strahlt die Ruhe eines Mannes aus, der 2015 in Pension geht, die Ruhe der Erfahrung. Aber Wagner ist auch der Mann, der vielen Tausend Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst vorher noch das Fürchten lehrt.

Als Datenschutzbeauftragter von Rheinland-Pfalz ist Wagner der Chefaufklärer im Skandal um die Debeka in Koblenz. Mitarbeiter der Versicherung haben im Bemühen, neue Policen abzuschließen, Grenzen überschritten. Versicherungsvermittler sollen Staatsdiener dazu bringen, widerrechtlich Daten vor allem von Beamtenanwärtern herauszugeben – und bei Vertragsabschluss Geld zu kassieren. „Wir reden eher von ein paar Tausend Fällen als von ein paar Hundert“, sagt Wagner. „Es geht um eine lange Strecke – von den siebziger Jahren bis in die Gegenwart hinein.“

In den vergangenen Jahren hatte Datenschützer Wagner vor allem mit amerikanischen Internetkonzernen und mit Händlern wie Lidl zu tun. Nun führt ihn seine Arbeit ins eigene Milieu, ins Milieu der Staatsdiener. Seit das Handelsblatt über die Machenschaften berichtet hat, sind bei Wagner Hunderte Hinweise eingegangen. Viele sind so konkret, dass sie wohl an die Staatsanwaltschaft gehen werden – sofern die Hinweisgeber zustimmen, versteht sich.
Ein kleiner Nebenjob Artikel mit vielen interessanten Leserkommentaren
Mehr zum Thema Versicherungen

Design Klaus Stuttmann @wtwfinance www.stuttmann.de

Design Klaus Stuttmann
@wtwfinance
www.stuttmann.de

Steuern: „Das wurde immer so gemacht“

Wenn es darum geht, persönlich Steuern zu sparen, werden manche Herren der Finanzwelt kreativ.

Im Londoner Viertel Knightsbridge, nahe der großen Kreuzung, hinter der das ausladende Areal des Hyde Park beginnt, ist es oft überraschend dunkel. Seit ein paar Jahren steht dort ein moderner Wohnkomplex, One Hyde Park genannt und laut Eigenwerbung die „exklusivste Wohnadresse der Welt“. Doch so schick die Gegend, so edel die Häuser auch sind: One Hyde Park wirkt regelmäßig wie ausgestorben. Kaum ein Mensch tritt aus dem Marmorfoyer auf die Straße hinaus.

Die rund 80 Wohnungen sind allesamt verkauft worden – die teuerste für 125 Millionen Pfund, die günstigste offenbar für 3,6 Millionen Pfund. Für diese Preise gibt es den Hausservice vom benachbarten Luxushotel Mandarin Oriental dazu, und unten im Haus könnte man die Straßenversion eines Formel-1-Wagens von McLaren kaufen. Aber selbst der Gipfel des Luxus scheint für viele der Besitzer kein Grund zu sein, tatsächlich in der Anlage zu leben. Sie weilen nur sehr selten in London.

Auf der Suche nach den Gründen dafür hat Nicholas Shaxson, ein Kenner globaler Geldströme, vor Monaten herausgefunden, dass rund 60 der Wohnungen gar keinen Menschen gehören, sondern Gesellschaften. Diese wiederum seien meist nicht in Großbritannien registriert, sondern in Steueroasen wie den Britischen Jungferninseln oder den Kaimaninseln. Die Besitzer der Gesellschaften seien „extrem reich“, schrieb Shaxson in Vanity Fair, „die meisten von ihnen wollen nicht, dass man weiß, wer sie sind“. Offenbar handelt es sich um internationale Finanzgrößen, Industrielle, Erben. Sie nutzen gern auch die Steuervorteile, die ein Kauf über den Umweg einer Steueroase ermöglicht. So fielen in derlei Fällen in London lange Zeit keine Steuern beim späteren Verkaufen oder Vererben des Besitzes an.

Auch Alexander Dibelius, der Deutschlandchef von Goldman Sachs, hat sich vor Jahren eine Wohnung in London zugelegt, nicht in One Hyde Park, aber doch mithilfe von Gesellschaften auf den Britischen Jungferninseln. Als dies jüngst bekannt wurde, war die Empörung groß. Einer der reichsten Banker Deutschlands nutze Briefkastenfirmen in der Karibik, um Steuern zu sparen!
Steuern Das wurde immer so gemacht

Geld im Urlaub

 

China: Ein irrsinniges Szenario

Roter Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Mit Geld lässt sich bekanntlich sehr viel erreichen. Das denkt sich zumindest der chinesische Multimillionär Chen Guangbiao. Obwohl die New York Times gar nicht zum Verkauf ansteht, wie die berühmte Verlegerfamilie Sulzberger mehrfach versicherte, möchte er Miteigentümer der renommierten US-Zeitung werden. Er fliegt am Wochenende nach New York, angeblich um erste Sondierungsgespräche zu führen und den Eigentümern ein Angebot zu unterbreiten.

Der 45-Jährige hat seine Millionen über eine Recycling-Firma in der chinesischen Provinz Jiangsu gescheffelt. Was genau den Erfolg seiner Firma ausmacht, ist nicht genau bekannt. Fest steht, dass sich 70 Prozent seiner Belegschaft aus ehemaligen Soldaten und Offizieren der Volksbefreiungsarmee zusammensetzt. Gute Kontakte zur Regierung und Armee sind ihm also sicher.

Chen wird unter den 400 reichsten Chinesen gelistet. Sein Vermögen wird auf rund 826 Millionen Dollar geschätzt – zu wenig, um die New York Times komplett zu kaufen. Ihr aktueller Marktwert liegt bei 2,4 Milliarden Dollar. Nach eigenen Angaben hat er aber in den vergangenen zwei Jahren eifrig weitere Investoren aufgetrieben. Unter anderem ein Hongkonger Immobilien-Tycoon habe zugesagt, 600 Millionen Dollar bereitzustellen. Insgesamt eine Milliarde Dollar will er den jetzigen Eigentümern  bieten. Vielleicht auch mehr.
Roter Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Mit Geld lässt sich bekanntlich sehr viel erreichen

Bernankes Abschiedsgruss zeigt Wirkung

Schweizerischer Geld- und Kapitalmarkt

Kurz vor der Stabübergabe von Ben Bernanke an Janet Yellen hat die US-Notenbank Fed am 18. Dezember bekanntgegeben, das langerwartete Tapering zu beginnen und ihre Anleihenkäufe zurückzufahren. An den Rentenmärkten hat der «Abschiedsgruss» des scheidenden Fed-Präsidenten in den vergangenen Wochen Wirkung gezeigt. Zwar fällt die erste Reduktion von 85 Mrd. auf 75 Mrd. $ Kaufvolumen im Monat ab Januar moderat aus. Die Langfristzinsen haben aber angezogen. Jüngst rentierten zehnjährige US-Staatsanleihen mit gut 3,0% so hoch wie seit Mitte 2011 nicht mehr. Auch «Eidgenossen» derselben Laufzeit warfen mit 1,1% deutlich mehr ab als noch Ende November (0,9%).

Die US-Wirtschaft wächst

Das Fed, das derzeit gut 70% der neu emittierten US-Treasuries kauft, könnte die monatlichen Anleihenkäufe bis Ende 2014 auf null zurückfahren, so sich die wirtschaftliche Erholung in den USA fortsetzt. Dass sich die Grossmacht jenseits des Atlantiks derzeit auf einem vielversprechenden Pfad befindet, belegten jüngst die finalen Zahlen zum Wirtschaftswachstum im dritten Quartal. Das Bruttoinlandprodukt wuchs annualisiert um 4,1% – weit mehr als die ursprünglich erwarteten 2,8%. Viele Experten erwarten weiter steigende Langfristzinsen. Die meisten Banken gehen für 2014 von Zehn-Jahre-Renditen zwischen 3% und 3,5% in den USA aus.
Bernankes Abschiedsgruss zeigt Wirkung

"Don’t Worry Ben, I Got This!"

Deutschland könnte das neue Frankreich werden

Die Sicht aus der Schweiz auf die Finanzmäkte der Welt. Durchaus interessant. Deutschland das nächste Frankreich – wobei Frankreich sich nicht bessern wird. Und die Schweizer Nationalbank als faktischer Rettungsschirm für die Eurozone.

In Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ traut sich keiner, dem Kaiser zu sagen, dass er nackt ist. Auch die westlichen Industriestaaten wollen nicht wahrhaben, dass sie nackt sind. Ohne eine Rosskur geht es nicht. Die Schulden müssen abgetragen werden, damit sich für unsere Gesellschaften wieder neue Handlungsspielräume eröffnen. „Beyond the obvious“ nennt Ross und Reiter und arbeitet an Lösungen, wie wir der Verschuldungsmisere entkommen.
Deutschland könnte das neue Frankreich werden

Mein Geld hat in der Schweiz Asyl- HB

Die Einheitswährung ist kein Zauberstab

Lettlands Euro-Beitritt
Mit der Übernahme der europäischen Einheitswährung am Neujahrstag erreicht Lettland ein Ziel, an dem die politische Führung auch in der tiefsten Rezession nicht rüttelte. Der Reformweg des baltischen Staates ist jedoch nicht beendet.
Mit einem großen Feuerwerk in der Silvesternacht ist Lettland zum Jahreswechsel als 18. Land der Eurozone beigetreten. Die europäische Gemeinschaftswährung löst den heimischen Lats ab. Damit sich die gut zwei Millionen Bürger an die neue Währung gewöhnen können, hatte die Regierung im Dezember 800.000 „Starter-Kit“-Plastiktütchen mit je 45 Euromünzen im Wert von 14,32 Euro in Umlauf gebracht. Anders als bei der in Rekordzeit vergriffenen letzten Sonderprägung des Lats bildeten sich nur vereinzelt Schlangen vor den Bankschaltern, um die neue Währung in Empfang zu nehmen – die Euro-Begeisterung der Bevölkerung hält sich deutlich in Grenzen.
Die Einheitswährung ist kein Zauberstab

Geschichte Europas
Europas Entwicklung 1980 bis 2000 aus der Sicht der Karikaturisten
Virtuelles Geschichtsheft Karikaturen

Geschichte Europas

 

 

Türkei Erdoğan : Säuberungen im Umkreis des Finanzministeriums

Unterdessen hat die Regierung Erdoğan ihre Säuberungsaktionen auch auf andere Institutionen ausgeweitet. Wie die Zaman meldet, seien am Montag zehn Angestellte aus der Verwaltung des türkischen Finanzministeriums (GİB) versetzt worden. Zuvor waren im Zuge der Korruptionsuntersuchungen mehr als 500 Polizisten ihrer Ämter enthoben versetzt worden. Angeblich soll es bereits Vorbereitungen geben, auch Gouverneure in den Provinzen auszutauschen, in denen es weitere Untersuchungen geben könnte.

Hinnehmen wollen das übrigens nicht alle. Wie die Zeitung erfahren haben will, sollen bisher mindestens 20 Polizisten Klage am Verwaltungsgericht in Ankara gegen ihre Versetzung eingereicht haben. Unter jenen soll sich auch Lokman Kırcılı, der ehemalige stellvertretende Polizeichef der Anti-Terror-Einheit in Ankara, sowie İsmail Öztürk, der ehemalige stellvertretende Leiter der Polizeiabteilung für Schmuggel in Ankara, befinden. Sie führen an, dass ihre Versetzun jeglicher rechtlichen Grundlage entbehre.

Gewerkschaft kritisiert Mangel an Rechtsstaatlichkeit

In den Reihen der Kritiker findet sich seit diesem Montag auch die türkische Gewerkschaft Kamu-Sen. In einer schriftlichen Erklärung wirft sie der AKP-Regierung vor, gerade das Gegenteil dessen zu tun, was sie dem Volk vor zehn Jahren bei ihrer Wahl versprochen hätte. Der Prozess hätte mit unfairen und renitenten Aussagen begonnen, hätte sich dann zu einem riesigen Korruptionsskandal ausgeweitet und sei nun bei Profilierung und Verbannung angekommen. Letzteres würde immer noch stattfinden. Es dürfe nicht vergessen werden, dass jede Regierung, die ihre Macht nicht auf Recht und Gesetz gründet, dem Untergang geweiht sei. Wenn 90 Prozent der Arbeiter in einer Institution über die Institution reden würden, indem sie von einen Mangel an Vertrauen in diese Institution sprächen, dann bedeute dies, dass diese nicht mehr lange da sein werde.
Removal of civil servants spreads to Finance Ministry

Turkish Finance Ministry building in Ankara.